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Digitale Momente

Alle Gastspiele und Präsentationen der diesjährigen Projekte der AWP mussten auf 2021 verschoben werden. Um Ihnen die Zeit bis dahin zu verkürzen überraschen wir Sie ab November mit zwei Produktionen, die diesmal nicht auf der Bühne stattfinden.

 

#MeBambi - Das Hörspiel

Das Theaterstück #MeBambi gibt’s demnächst als Hörspiel. Ulrike Willberg, Susanne Abelein und Jan Fritsch gehen nochmal auf die Suche und die Jagd nach ihren weißen Privilegien. Denn die ist noch nicht zu Ende. Rassismus ist strukturell und institutionell. Eine Tatsache, die in Deutschland nach wie vor weitgehend geleugnet wird. Denn die Rassist*innen sind immer die anderen. Die Bösen. Die Nazis. Und eben das ist falsch. Susanne in #MeBambi: „Rassismus. Wieso hab ich das?“ Wir freuen uns darauf eine Hörspielfassung zu erarbeiten und damit #MeBambi für ein breites Publikum zu produzieren. Wir geben Bescheid, sobald es zu hören ist!

 

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JETZT – WANN SONST!

Seit Jahren erzählen uns neoliberale „positive thinking“-Gurus und esoterische Selbsthilfe-Ratgeber, dass jede Krise auch eine Chance sei, die es zu nutzen gilt. Okay. Dann mal los. Und dabei nicht kleckern, sondern gleich klotzen. Wie wäre es denn, wenn wir – bei allem Mist, den die Pandemie mit sich bringt – die Gelegenheit beim Schopfe packten, um jetzt endlich mal gesellschaftliche Strukturen zu ändern. Radikal. Weil es grade jetzt nötig ist.

Exakt 62 Einzelpersonen besitzen so viel wie die 3,6 Milliarden Menschen, die die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen. 2008 hat die Agentur für Weltverbesserungspläne in ihrem Stück „Der Tag, an dem aus Paris Patty wurde“ über die Umverteilung des Geldvermögens nachgedacht: „Nehmen wir mal an, Sie sind ein Goldkind. Sie bekommen neun Stücke dieses leckeren Kuchens. Und alle anderen teilen sich jetzt bitte das zehnte. So. Das entspricht jetzt in etwa der weltweiten Vermögensverteilung.“ Im Rahmen dieser Inszenierung haben sich die Agent*innen auch mit dem bedingungslosen Grundeinkommen auseinandergesetzt. Dieses Grundeinkommen hätte die AWP-Produktion „Willkommen im Prekariat“ 2014 übrigens überflüssig gemacht: „Es gibt 20,5 Millionen Menschen in Deutschland, die nur prekäre oder gar keine Arbeit haben. Das ist weit mehr als die Hälfte aller Erwerbspersonen in Deutschland.“ Gäbe es das Grundeinkommen, wären nicht nur Menschen, die bisher schon in prekären Verhältnissen gelebt haben, sondern auch die, die jetzt von der Corona-Krise in ihrer Existenz bedroht sind, abgesichert. Dazu gehören auch wir, die Künstler*innen des Freien Theaters. Unsere Einkünfte brechen weg, Rücklagen sind nicht vorhanden. Das Einkommen reicht schon normalerweise kaum für das Bestreiten der Lebensunterhaltskosten. Zukunftsängste und drohende Altersarmut sind ein ständiger Lebensbegleiter.

Sicher, man muss nicht Künstler*in sein. Selbst schuld. Ja stimmt, so könnte man argumentieren. Aber auch, wenn man mit dieser Anmaßung Recht hätte: Was ist mit den anderen Menschen, die oft trotz nicht künstlerischer Arbeit in prekären Verhältnissen leben? Was ist mit den Friseur*innen, den Lagerist*innen bei Amazon, den Kassierer*innen bei Lidl, den Putzkräften oder Altenpfleger*innen? Sind die auch alle selbst schuld? Weil sie einfach keinen Bock hatten, sich einen besser bezahlten Beruf zu suchen?

Die Wahrheit ist: Die meisten Menschen, die gezwungen werden, in prekären Verhältnissen zu leben, leisten einen wichtigen Beitrag zu einer lebenswerten Gesellschaft. Auch wir Künstler*innen. Jahrzehntelang schwadronierten die Neoliberalen unwidersprochen von den „Leistungsträgern“ der Gesellschaft – und meinten damit immer nur die Unternehmer. Plötzlich stellen wir fest, dass ein Leben im Dreck, mit Topfschnittfrisuren, mit schlechter medizinischer Versorgung und als Ganztags-Kinderbetreuer*in auch nicht das Wahre ist. Und ein Leben ohne Bücher, Filme und Musik wäre grade in der Quarantäne mindestens die Vorhölle. Das Tragische ist, dass wir Theaterschaffenden aktuell kaum etwas machen können. Außer alte Inszenierungen ins Netz zu stellen oder hilflos Proben zu streamen. Was okay ist, aber nichts mit unserer Kernkompetenz zu tun hat: Der künstlerischen, im Hier und Jetzt stattfindenden, körperlich mit allen Sinnen wahrnehmbaren Live-Kommunikation.

Die AWP war gerade mitten in der Vorbereitung ihrer Projekte für 2020, als die Krise ausbrach. Eines der vier geplanten Projekte ist die Inszenierung des Kesselhauses auf dem Faustgelände. Unser Thema: Eine feministische Utopie – eine Gesellschaft, in der die Frau nicht als Subtyp des Mannes wahrgenommen wird. Auch dieses Thema könnte zurzeit nicht aktueller sein: Bei Millionen von Frauen in nichtbezahlter Care-Arbeit und in den unterbezahlten Pflegeberufen, denen es nicht hilft, wenn die Menschen sich um 18 Uhr mal kurz auf den Balkon stellen, um zu klatschen. Denen es nur helfen würde, wenn wir alle zusammen ein neues gesellschaftliches Narrativ schrieben: Eine neue feministische, ökologische, soziale und antirassistische Erzählung.

Wir, die AWP, sind bereit unseren bescheidenen Beitrag dazu zu leisten. Wenn die Umstände es uns denn erlauben wird es neben der Bespielung des Kesselhauses ein partizipatives Kunstprojekt geben, das nach der „Einzigartigkeit und Diversität“ der Individuen fragt, ein TheaterMusikLiteraturProjekt mit Jugendlichen zum Phänomen „Framing“ sowie Talkformate, in denen sich AWP Agent*innen zum Thema „Rassismus“ Gäste einladen.

Wir freuen uns, Sie wieder bei unseren Produktionen begrüßen zu können! Denn eins klar: Wir machen weiter. So oder so.

 

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Sabine Dreßler, Oberkirchenrätin und Referentin für Menschenrechte, Migration und Integration der EKD fragt Ulrike Willberg und Hartmut El Kurdi für #freiundgleich

 

In Artikel 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zur Freiheit des Kulturlebens heißt es: „Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen“ – wie versteht Ihr Euch und Eure Arbeit als Kulturschaffende?

 

Ulrike: „Jede und jeder hat das Recht am kulturellen Leben teilzunehmen“ – aber leider nicht die Möglichkeit. Solange nicht alle Kinder die gleichen Bildungschancen haben, solange nicht alle Menschen Zugang zu allen Bereichen des öffentlichen Lebens haben, besteht dieses Recht nur theoretisch. Die Praxis sieht anders aus.

 

Hartmut: Ich denke auch: Ein formuliertes Recht ist schön und gut. Die Politik ebenso wie alle gesellschaftlichen und kulturellen Institutionen haben aber die Aufgabe, die Möglichkeiten zu schaffen, damit dieses Recht auch wahrgenommen werden kann. Und dabei geht es einerseits, wie gesagt, um Bildungschancen, aber auch um Inhalte und Repräsentation von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Ich will nur ein Beispiel nennen: Solange in der Kinderliteratur die Lebenswelten von Migrantenkindern nicht oder bestenfalls am Rande vorkommen und es kaum Autor*innen gibt, die selbst eine familiäre Migrationsgeschichte haben, werden viele Kinder aus solchen Familien sich nur begrenzt angesprochen fühlen. Sowohl als Leser*innen wie auch als mögliche spätere Künstler*innen. Und das ist leider ein Teufelskreis.

 

Ihr seid zum Teil gemeinsam unterwegs, zum Beispiel mit der „Agentur für Weltverbesserungspläne“, habt aber Eure eigenen Schwerpunkte, Du, Ulrike, als Regisseurin und Konzeptentwicklerin, Du, Hartmut, als Autor, Performer und Musiker. Wie kann Kultur die Welt verändern, verbessern?

 

Ulrike: Kunst ist in der Lage sowohl die Rolle eines Seismographen wie auch die der Opposition einzunehmen. Wunde Punkte der Gesellschaft können aufgespürt und aus ungewohnten neuen Blickwinkeln betrachtet und bearbeitet werden. Kunst kann zumindest versuchen, mit ihren Mitteln gesellschaftlichen Einfluss auszuüben. Außerdem erfüllt man als Künstlerin oft nicht die gesellschaftlichen Normen und ist dadurch manchmal sensibilisierter für Themen und Menschen, die von der Mehrheit ignoriert werden.

 

Hartmut: Obwohl ich der Meinung bin, dass Kunst immer auch unterhalten sollte, reicht mir das alleine auch nicht. Kunst muss sich wehren, sich einsetzen für Schwache, Mut machen, auf Missstände hinweisen… Es ist immer schwierig für andere und allgemein zu sprechen, aber ich denke, wir sind auch Künstler*innen geworden, weil wir mit der Welt, so wie sie ist, nicht zufrieden sind. Wieviel Einfluss man wirklich hat? Keine Ahnung. Da gehe ich einfach mal egozentrisch von mir aus: Auf mich und mein Denken hatten – auch politisch – Bücher, Filme, Theater und Musik immer mehr Einfluss als trockene Theorien. Kunst hat einen eigenen Blickwinkel. Oft auch mehrere Perspektiven. Und sollte trotzdem einen Position beziehen.

 

Das Corona-Virus legt vieles gerade komplett lahm – was bedeutet das für Eure aktuelle Arbeit, welche Themen sind für Euch jetzt dran, und welche Formate überhaupt möglich?

 

Ulrike: Gerade ist es nicht möglich live vor Publikum zu spielen. Und auch wenn es sehr schwierig für die berufliche, persönliche und finanzielle Situation ist, sollte man im Sinne des Gemeinwohles respektvoll und umsichtig handeln. Wir werden die Entwicklungen beobachten und reagieren. Erstmal sind alle Produktionen auf das nächste Jahr verschoben. Thematisch arbeiten wir im Rahmen der Kesselhausinszenierung auf dem „Faust“-Gelände in Hannover an einem neuen gesellschaftlichen Narrativ: Eine feministische, ökologische, soziale und antirassistische Erzählung. Und die könnte man ja jetzt generell gesellschaftlich mal angehen.

 

Hartmut: Als Autor kann ich natürlich weiter schreiben, fragt sich bloß für was, wann und wen. Dazu kommt: Da ich den Hauptteil meiner Einnahmen durch Theatertantiemen und Auftritte beziehe, verdiene ich kaum was. Die Theater sind dicht, meine Stücke werden nicht gespielt, ich selbst kann auch nicht auftreten, nicht als Schauspieler, nicht als Musiker oder als Vorleser meiner eigenen Texte. Das finanzielle ist aber nur das eine Problem. Ich habe immer für die Bühne geschrieben und bin selbst auf die Bühne gegangen, weil das ein sehr direkter und – im Vergleich z.B. zum Film – „einfacher“ Kunstvorgang ist. Im Notfall brauchst Du nur eine Idee, einen Text, ein, zwei Schauspieler*innen und einen Ort, wo sich Spieler*innen und Zuschauer*innen treffen können. Diese Option ist jetzt erstmal weg. Jetzt kann man täglich etwas ins Internet blasen, was als Form nicht per se uninteressant ist, aber halt was anderes. Nicht unsere eigentliche Kernkompetenz.

 

Eine Kultur der Teilhabe aller – wie sieht Eure Vision dafür aus und wie lässt sich die erreichen?

 

Ulrike: Die Agentur für Weltverbesserungspläne sucht immer wieder nach Kunstformaten, die ein breites Publikum ansprechen könnten, die durch partizipative Momente die Berührungsängste gegenüber der Kunst nehmen. Wir können und wollen es uns nicht leisten zu warten, bis jemand kommt. Wir suchen unser Publikum aktiv. Und wir wollen, dass die Menschen bei uns formal und inhaltlich etwas erleben, dass sich von dem, was im tradierten Kulturbetrieb passiert, unterscheidet. Kunst sollte Spaß machen, neue Welten eröffnen und demokratisch sein.

 

Hartmut: Ich finde es bedauerlich, dass das Bildungsbürgertum, also die gebildete Mittelschicht, die (noch) in die Theater geht, Bücher kauft etc. Kultur oft als Mittel sieht, um sich von anderen abzusetzen. So nach dem Motto: Wir haben ein Theaterabo und die Doofen kucken RTL 2. Ich wünschte mir, Kultur würde als Kommunikationsmittel zwischen allen betrachtet. Das heißt nicht, dass immer alles für alle sein muss. Um manche Kunst zu verstehen, braucht man tatsächlich ein kulturwissenschaftliches Studium. Für andere muss man 10 Jahre Hip Hop gehört haben oder die Sex Pistols kennen. Das ist okay. Aber es gibt tatsächlich auch kluge und unterhaltsame Formen, die einen breiteren Querschnitt der Menschen ansprechen können. Und die suche ich. Nicht zwanghaft und immer. Aber es ist zumindest ein Aspekt meiner Arbeit.

 

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Ulrike Willberg fragt ihre Kolleg*innen:

Glaubst Du, das man mit der Bearbeitung von politischen Themen im Theater auf die Gesellschaft einwirken kann?

 

Hartmut El Kurdi, Autor/ Performer

Naja, mit Theater kann man Leute zum Nachdenken bringen, Fragen stellen, Widersprüche aufzeigen. Insofern wirkt man damit auf „die Gesellschaft“ genau so ein wie mit anderen Dingen. „Politik“ ist für mich kein isolierter Bereich, sondern Teil des Lebens. Ich bin als Künstler nicht politisch, weil ich auf Bundestagsdebatten oder Demonstrationen stehe, sondern weil ich mich für die Welt und die Menschen interessiere. Auf persönlicher wie gesellschaftlicher Ebene.

 

Susanne Abelein, Performerin

Ich bin mir natürlich bewusst, dass ich als Künstlerin der Freien Szene nur in einem begrenzten Radius wirken kann. Aber dort gehe ich unbedingt davon aus, dass ich einwirken kann. Ich sehe das als meine Chance. Ich setze relevante Themen, sorge für Denk- und Gesprächsstoff und im besten Fall für einen veränderten Blick auf Dinge und Menschen. Als Künstlerin habe ich die Möglichkeit, das auf unmittelbare, unterhaltsame und sinnliche Weise zu tun. Das ist ein Potential, dass unsere Arbeit vom mühsamen politischen Alltag unterscheidet. Wir können überraschen und sensibilisieren mit Themen, von denen das Publikum dachte, es würde sie nichts angehen.  

 

Nicholas Stronczyk, Szenograf

Ja natürlich, das ist für mich gar keine Frage. Jedes Ding: Bühnenbild, Licht, Kostüm, Text, Musik transportiert etwas. Nenn es Haltung, Konzept oder Botschaft. Sobald es der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird entfaltet es eine Wirkung. Ob diese viel oder wenig ausmacht, kann ich nicht beurteilen. Aber es macht einen Unterschied, ob politische/ gesellschaftliche Themen künstlerisch bearbeitet werden oder nicht.