JETZT – wann sonst!

Seit Jahren erzählen uns neoliberale „positive thinking“-Gurus und esoterische Selbsthilfe-Ratgeber, dass jede Krise auch eine Chance sei, die es zu nutzen gilt. Okay. Dann mal los. Und dabei nicht kleckern, sondern gleich klotzen. Wie wäre es denn, wenn wir – bei allem Mist, den die Pandemie mit sich bringt – die Gelegenheit beim Schopfe packten, um jetzt endlich mal gesellschaftliche Strukturen zu ändern. Radikal. Weil es grade jetzt nötig ist.

Exakt 62 Einzelpersonen besitzen so viel wie die 3,6 Milliarden Menschen, die die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen. 2008 hat die Agentur für Weltverbesserungspläne in ihrem Stück „Der Tag, an dem aus Paris Patty wurde“ über die Umverteilung des Geldvermögens nachgedacht: „Nehmen wir mal an, Sie sind ein Goldkind. Sie bekommen neun Stücke dieses leckeren Kuchens. Und alle anderen teilen sich jetzt bitte das zehnte. So. Das entspricht jetzt in etwa der weltweiten Vermögensverteilung.“ Im Rahmen dieser Inszenierung haben sich die Agent*innen auch mit dem bedingungslosen Grundeinkommen auseinandergesetzt. Dieses Grundeinkommen hätte die AWP-Produktion „Willkommen im Prekariat“ 2014 übrigens überflüssig gemacht: „Es gibt 20,5 Millionen Menschen in Deutschland, die nur prekäre oder gar keine Arbeit haben. Das ist weit mehr als die Hälfte aller Erwerbspersonen in Deutschland.“ Gäbe es das Grundeinkommen, wären nicht nur Menschen, die bisher schon in prekären Verhältnissen gelebt haben, sondern auch die, die jetzt von der Corona-Krise in ihrer Existenz bedroht sind, abgesichert. Dazu gehören auch wir, die Künstler*innen des Freien Theaters. Unsere Einkünfte brechen weg, Rücklagen sind nicht vorhanden. Das Einkommen reicht schon normalerweise kaum für das Bestreiten der Lebensunterhaltskosten. Zukunftsängste und drohende Altersarmut sind ein ständiger Lebensbegleiter.

Sicher, man muss nicht Künstler*in sein. Selbst schuld. Ja stimmt, so könnte man argumentieren. Aber auch, wenn man mit dieser Anmaßung Recht hätte: Was ist mit den anderen Menschen, die oft trotz nicht künstlerischer Arbeit in prekären Verhältnissen leben? Was ist mit den Friseur*innen, den Lagerist*innen bei Amazon, den Kassierer*innen bei Lidl, den Putzkräften oder Altenpfleger*innen? Sind die auch alle selbst schuld? Weil sie einfach keinen Bock hatten, sich einen besser bezahlten Beruf zu suchen?

Die Wahrheit ist: Die meisten Menschen, die gezwungen werden, in prekären Verhältnissen zu leben, leisten einen wichtigen Beitrag zu einer lebenswerten Gesellschaft. Auch wir Künstler*innen. Jahrzehntelang schwadronierten die Neoliberalen unwidersprochen von den „Leistungsträgern“ der Gesellschaft – und meinten damit immer nur die Unternehmer. Plötzlich stellen wir fest, dass ein Leben im Dreck, mit Topfschnittfrisuren, mit schlechter medizinischer Versorgung und als Ganztags-Kinderbetreuer*in auch nicht das Wahre ist. Und ein Leben ohne Bücher, Filme und Musik wäre grade in der Quarantäne mindestens die Vorhölle. Das Tragische ist, dass wir Theaterschaffenden aktuell kaum etwas machen können. Außer alte Inszenierungen ins Netz zu stellen oder hilflos Proben zu streamen. Was okay ist, aber nichts mit unserer Kernkompetenz zu tun hat: Der künstlerischen, im Hier und Jetzt stattfindenden, körperlich mit allen Sinnen wahrnehmbaren Live-Kommunikation.

Die AWP war gerade mitten in der Vorbereitung ihrer Projekte für 2020, als die Krise ausbrach. Eines der vier geplanten Projekte ist die Inszenierung des Kesselhauses auf dem Faustgelände. Unser Thema: Eine feministische Utopie – eine Gesellschaft, in der die Frau nicht als Subtyp des Mannes wahrgenommen wird. Auch dieses Thema könnte zurzeit nicht aktueller sein: Bei Millionen von Frauen in nichtbezahlter Care-Arbeit und in den unterbezahlten Pflegeberufen, denen es nicht hilft, wenn die Menschen sich um 18 Uhr mal kurz auf den Balkon stellen, um zu klatschen. Denen es nur helfen würde, wenn wir alle zusammen ein neues gesellschaftliches Narrativ schrieben: Eine neue feministische, ökologische, soziale und antirassistische Erzählung.

Wir, die AWP, sind bereit unseren bescheidenen Beitrag dazu zu leisten. Wenn die Umstände es uns denn erlauben wird es neben der Bespielung des Kesselhauses ein partizipatives Kunstprojekt geben, das nach der „Einzigartigkeit und Diversität“ der Individuen fragt, ein TheaterMusikLiteraturProjekt mit Jugendlichen zum Phänomen „Framing“ sowie Talkformate, in denen sich AWP Agent*innen zum Thema „Rassismus“ Gäste einladen.

Wir freuen uns, Sie wieder bei unseren Produktionen begrüßen zu können! Denn eins klar: Wir machen weiter. So oder so.